Im Blickpunkt
Lernanstoß im Theatersaal
AUS DEN NACHBARSCHAFTSINFOS 3/2010
Theater trägt zur Sprachförderung bei, fördert das Soziale Lernen und hilft dabei, individuelle Stärken heraus zu filtern. Genau daran arbeitet die Theaterpädagogin Andrea Seltenheim nun wieder mit Erst- bis Drittklässlern an der Peter-Paul-Rubens-Schule in Friedenau. Aber nicht als nachmittägliche AG, sondern als Teil des Unterrichts. Alle profitieren. Lehrer- und Erzieherteams schärfen gemeinsam ihr Profil.
Ein Schulhalbjahr lang wird sich für die Kinder des „Lernstrangs 1“ der Rubens-Schule fast alles um das Theater drehen. Die Erst-, Zweit- und Drittklässler, die hier jahrgangsübergreifend in den Lerngruppen "Wald", "Wiese" und "Wasser" unterrichtet werden, erarbeiten nämlich ab sofort ein eigenes Bühnenstück. Jeweils vier Stunden pro Woche hat jede einzelne Gruppe dafür Zeit. Ganz fest steht diese Arbeit vormittags im Stundenplan, das Theaterprojekt ist ein Teil des Ganztagsschulkonzepts zum „lebendigen Lernen“. Und es ist ein Beispiel für die sehr aktive Kooperation von Schule und Ganztagsbereich. Die Theaterpädagogin Andrea Seltenheim, tätig für die vom Nachbarschaftsheim verantwortete Ganztagsbetreuung, übernimmt diesen Unterricht und leitet die Kinder in den kommenden Monaten an. Mit den Lehrerinnen des Lernstrangs stimmt sie sich ab, dazu besucht sie zum Beispiel die Teamsitzungen. Die Erzieher/innen werden genauso einbezogen. Auch die Mütter und Väter der Kinder informiert sie auf einem Elternabend über das Projekt. „Alle merken sofort“, sagt Andrea Seltenheim, „dass es hier um ein richtiges Unterrichtsfach für die nächsten Monate geht.“

- Aufführung des ersten Projekts im Januar 2010 Foto: NbH
Schon im vergangenen halben Jahr war das so, da hatte die Theaterpädagogin mit drei anderen Lerngruppen dieser Grundschule gearbeitet. Ende Januar präsentierten diese Gruppen ihre jeweiligen Bühnenstücke vor Verwandten und Freunden, alle Nachmittage waren ein riesiger Erfolg. Begeistert berichtet Andrea Seltenheim von den Aufführungen, die sämtlich von Geschichten rund um das Wasser handelten, und die doch, je nach Gruppe, sehr unterschiedlich waren. „Bei kaum einer anderen künstlerischen Arbeit kann man wirklich alle Kinder so integrieren wie beim Theater“, sagt sie. „Alle Mädchen und Jungen waren engagiert dabei, je nach Können.“ Seit dem Spätsommer 2009 bietet sie ihren Unterricht an der Peter-Paul-Rubens-Schule in Friedenau an, zuvor leitete die spezialisierte Erzieherin bereits im Auftrag des Nachbarschaftsheims ganz ähnliche Projekten an der Carl-Orff- und an der Lindenhof-Grundschule. Außer an der Peter-Paul-Rubens-Schule ist sie derzeit an der benachbarten Prignitz-Schule tätig, einer Schule mit dem besonderen Förderschwerpunkt „Lernen“.
Gut ausgestatteter Theatersaal
Im dritten Stockwerk der Rubens-Schule sind nun die Bedingungen besonders gut. Es gibt einen voll ausgestatteten Bühnen- und Probensaal, schon früher hatten darin regelmäßige Theater-Projekte mit älteren Grundschülern stattgefunden. Zuletzt aber lag dieses Schultheater eher brach, jetzt wird es mit den Jüngeren wieder belebt. Die Hoffnung ist, dass unter anderem durch die Arbeit von Andrea Seltenheim der Theater-Schwerpunkt dauerhaft zurück gewonnen werden kann. Wenn sie hier nämlich etwa ein, zwei Jahre lang ihre Projekte anbietet und so viele Erzieher/innen und Lehrkräfte wie möglich „ansteckt“. Eine Profilschärfung soll das sein.

- Die Theaterpädagogin Andrea Seltenheim Foto: NbH
Zunächst aber, in diesen Wochen, beginnen die Fachpädagogin, Lehrerinnen und Erzieherinnen mit den insgesamt 64 fünf- bis achtjährigen Kindern in ihren Theaterstunden auf ganz spielerische Art zu arbeiten. „Damit sich die einzelnen Gruppen erst einmal finden“, sagt Andrea Seltenheim. Bald werden die Schüler/innen langsam beginnen, mit einfachen Requisiten wie einem Koffer oder einem Hut bestimmte Situationen darzustellen, also zu improvisieren und dabei auszuprobieren, wie weit sie sich überhaupt vor einem Publikum präsentieren wollen oder nicht. Die Pädagogin dokumentiert unterdessen alles, gemeinsam finden sie und die Kinder viel über Stärken und Schwächen der einzelnen heraus. „So bestimmen wir auch einen Rhythmus für unsere Arbeit, dazu legen wir bestimmte Rituale fest“, erzählt Andrea Seltenheim.
Aus ihrer Erfahrung weiß sie, dass spätestens nach etwa vier bis sechs Wochen der Funken übergesprungen ist. „Dann können wir wirklich Szenen spielen, die wiederholbar sind“, sagt die Projektleitern. Zugpferde sind die Drittklässler, mit ihnen arbeitet Andrea Seltenheim auch gesondert. Sie sollen zu Spezialisten innerhalb der Gruppen werden, sie halten etwa Referate über ihre Rolle und ihre Aufgaben. So taucht das Thema Theater in diesem Halbjahr ständig im Schulalltag der Kinder auf. Alle gemeinsam denken sich schließlich die Handlung ihres Stücks aus und entscheiden zum Beispiel darüber, wie viele Gesangs- oder Tanzeinlagen enthalten sein sollen. Im letzten Schulhalbjahr entstanden so die hinterher stark umjubelten Stücke „Königsfische in Gefahr“, „Das magische Fernrohr“ und „Der kunterbunte Wasserkreislauf“. Nachmittags bastelten die Mädchen und Jungen dazu im Ganztagsbereich ihre Requisiten und Bühnenbilder, sogar die Trommeln für ihre Aufführung baute sich eine Gruppe dort selbst.
Schulleiter würdigt professionelle Arbeit
Den Wert dieses breit angelegten Projekts unterstreicht auch der Schulleiter der Peter-Paul-Rubens-Schule, Uwe Runkel: „Beeindruckend an den drei bereits erfolgten Aufführungen war die mit einfachen, aber effektiven Mitteln gestaltete Bühnenatmosphäre und das konsequente Denken der Theaterarbeit von den Ideen der Kinder aus“, sagt der Pädagoge, der selbst das Fach Darstellendes Spiel unterrichtet. Er begründet den Theaterschwerpunkt im Schulprogramm seiner Schule so: „Das Darstellende Spiel vereinigt mit allen seinen Facetten (Schauspiel, Gesang, Textarbeit, Bühne und Bühnenbild etc.) unglaublich viele fächerübergreifende Aspekte des Lernens. Außerdem trägt es zur Sprachförderung, zum Sozialen Lernen und zur Herausarbeitung individueller Stärken bei.
Und genau das, fährt Runkel fort, würde in der Arbeit von Andrea Seltenheim in den jüngeren Lerngruppen verwirklicht. „Das war bisher eine sehr professionelle, strukturierte und gut geplante Arbeit“, urteilt der Schulleiter. „Dadurch, dass Ganztagsbereich und Schule ein gemeinsames Projekt haben, wird die Zusammenarbeit, insbesondere der Bezug der Erzieher/innen mit dem Lehrerteam einer Klasse gefördert. Beide Seiten investieren hier viel Kraft, was sich wiederum auf die alltägliche Kooperation auswirkt.“




